BIBELLESEZETTEL von Chr. von Viebahn

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DAS ZWEITE BUCH MOSE (Exodus)
C. Israel in der WILDNIS (2. Mose 15-19)

19. Ankunft in der Wüste Sinai und Lagerung gegenüber dem Berge (2. Mose 19,1-2)


2. MOSE 19,1-2

1 Im dritten Monat nach dem Ausgang der Kinder Israel aus Ägyptenland kamen sie dieses Tages in die Wüste Sinai. 2 Denn sie waren ausgezogen von Raphidim und wollten in die Wüste Sinai und lagerten sich in der Wüste daselbst gegenüber dem Berge.

Im dritten Monat nach dem Auszug aus Ägypten kamen die Kinder Israel in die Wüste Sinai (heute Er Rahah). Dieselbe bildet eine weite Ebene, die Raum genug bietet für das Zeltlager eines so großen Volkes, wie es Israel war. Der majestätische Felsenberg Sinai erhebt sich schroff aus der Ebene und bietet kein Hindernis für eine Annäherung. Er ist in der Tat „ein Berg, den man anrühren kann!“ (Lies Hebr. 12,18-21.)

Hebräer 12,18-21 -- 18 Denn ihr seid nicht gekommen zu dem Berge, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, noch zu dem Dunkel und Finsternis und Ungewitter 19 noch zu dem Hall der Posaune und zu der Stimme der Worte, da sich weigerten, die sie hörten, daß ihnen das Wort ja nicht gesagt würde; 20 denn sie mochten's nicht ertragen, was da gesagt ward: "Und wenn ein Tier den Berg anrührt, soll es gesteinigt oder mit einem Geschoß erschossen werden"; 21 und also schrecklich war das Gesicht, daß Mose sprach: Ich bin erschrocken und zittere.

Eine niedere Anhöhe ist dem Felsenberg vorgelagert, und der Beschauer möchte ohne weiteres sagen: Gerade hier standen später die Ältesten mit Mose und Josua und schauten die göttliche Herrlichkeit, indem sie aßen und tranken vor dem Herrn. [2. Mos. 24,9-11.]

2. Mose 24,9-11 -- 9 Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf 10 und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie ein schöner Saphir und wie die Gestalt des Himmels, wenn's klar ist. 11 Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Obersten in Israel. Und da sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.

Alles trifft zusammen, unser Staunen zu mehren über die Art, in welcher jeder Vorfall und jeder Ausdruck in der biblischen Erzählung zu diesem Ort paßt! Ein bibelliebender Gelehrter äußert: Es gibt keinen anderen Fleck auf der Erde, wo in merkwürdigerer Weise die Bedingungen sich vereinen, unter welchen sich die Ereignisse von 2. Mos. 19-40 abspielen konnten, wie am Sinai! Ein erhabener Berg und eine riesige Ebene, wo die in 2. Mose 19 beschriebenen Schauspiele und Töne nach allen Seiten eine versammelte Menge von mehr als 2 Millionen erreichen konnten. Daß eine so weite Ebene sich überhaupt vor einem solchen Felsenberg ausbreitet, stimmt klar mit der heiligen Erzählung überein und liefert einen starken Beweis dafür, daß die Gesetzgebung nicht nur hier stattgefunden hat, sondern daß sie uns auch von einem Augenzeugen beschrieben worden ist! Der lange Weg dahin in erhabener Einsamkeit muß eine wunderbar passende Vorbereitung auf die so überaus feierliche Begegnung mit Gott gewesen sein. Der ungeheuer hohe Felsenberg, der wie ein Riesenaltar vor der ganzen Versammlung emporragte und in seiner einsamen Größe von einem Ende der Ebene bis zum anderen sichtbar ist , bildete die Stätte, von welcher aus die Stimme Gottes weit und breit von dem lauschenden Volk gehört werden konnte - weit entfernt von aller Aufregung und Unruhe des alltäglichen Lebens! - Eine kleine Anhöhe wird mit dem Namen: „Hügel Aarons“ bezeichnet, weil hernach bei dem Fest des goldenen Kalbes Aaron jedenfalls von hier aus das Treiben des Volkes geleitet und überblickt hat. [2. Mos. 32,1-6.]

2. Mose 32,1-6 -- 1 Da aber das Volk sah, daß Mose verzog, von dem Berge zu kommen, sammelte sich's wider Aaron und sprach zu ihm: Auf, mache uns Götter, die vor uns her gehen! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. 2 Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrenringe an den Ohren eurer Weiber, eurer Söhne und eurer Töchter und bringet sie zu mir. 3 Da riß alles Volk seine goldenen Ohrenringe von ihren Ohren, und brachten sie zu Aaron. 4 Und er nahm sie von ihren Händen und entwarf's mit einem Griffel und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben! 5 Da das Aaron sah, baute er einen Altar vor ihm und ließ ausrufen und sprach: Morgen ist des HERRN Fest. 6 Und sie standen des Morgens früh auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer. Darnach setzte sich das Volk, zu essen und zu trinken, und standen auf zu spielen.

Ein weiterer Umstand bestätigt uns, daß wir hier tatsächlich am Berge der Gesetzgebung stehen. Nach der Beschreibung von 2. Mos. 32,15-19 stieg Mose, nachdem er vierzig Tage und Nächte bei Gott geweilt hatte, hinunter, ohne bei seinem Abstieg das Volk zu sehen!

2. Mose 32,15-19 -- Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand, die waren beschrieben auf beiden Seiten. 16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. 17 Da nun Josua hörte des Volks Geschrei, daß sie jauchzten, sprach er zu Mose: Es ist ein Geschrei im Lager wie im Streit. 18 Er antwortete: Es ist nicht ein Geschrei gegeneinander derer, die obliegen und unterliegen, sondern ich höre ein Geschrei eines Singetanzes. 19 Als er aber nahe zum Lager kam und das Kalb und den Reigen sah, ergrimmte er mit Zorn und warf die Tafeln aus seiner Hand und zerbrach sie unten am Berge

Der wilde Jubel und das Geschrei des Volkes um das Goldene Kalb tönte in das Ohr Josuas, der mit Mose vom Berg herabkam, noch ehe beide die Ursache desselben wahrnehmen konnten. Erst als Mose und Josua nahe an das Lager herankamen, tat sich ihnen plötzlich der Anblick auf das sündige Treiben des Volkes auf, und Mose warf in heiligem Grimm die Tafeln gegen die Felswand, so daß sie in Stücke zerbrachen. - Es ist heute noch so: Wenn man durch die schrägen Hohlwege, die sowohl an der nördlichen als an der südlichen Seite des Berges sind, herunterkommt, so kann man wohl die Töne hören, die einem von der Stille der Ebene entgegen getragen werden, aber sehen kann man die Ebene nicht, bis man aus dem Hohlweg heraustritt und dann unmittelbar am Fuß des steilen Berges steht! - Sodann lesen wir, daß Mose hernach die zu Staub zermalmten Stücke des Goldenen Kalbes in den Bach warf, der vom Berg herabfloß. (2. Mos. 32,20.)

2. Mose 32,20 -- und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und zerschmelzte es mit Feuer und zermalmte es zu Pulver und stäubte es aufs Wasser und gab's den Kindern Israel zu trinken

Dies bezieht sich jedenfalls auf den Bach im Wadi Er Rahah. - Die wilde Öde der majestätischen Felsen, der einsamen Schluchten und Täler, verbunden mit den feierlichen und heiligen Erinnerungen, die dieser Stätte anhaften, kann nicht verfehlen, den Beschauer mit Bewunderung und Ehrfurcht zu erfüllen. Dennoch bedrückt die Öde des Horeb die Seele nicht, denn bei dem klaren Himmel, der reinen Luft und der ungestörten Stille dieser Felsengegend ist es uns auch heute noch, als vernähmen wir das stille, sanfte Säuseln - die heilige Stimme unseres Gottes! - Nur eins - ein Gewitter - könnte die Erhabenheit des ganzen Anblicks noch erhöhen! Und was für ein Gewitter war es doch, als am Morgen der Gesetzgebung die Donner rollten, die Blitze zuckten und eine schwere Wolke auf dem Berge lagerte! Überirdischer Posaunenschall ertönte, und beständig mußte das Lärmhorn geblasen werden. - Wir hören, daß das ganze Volk zitterte, als Mose es aus dem Zeltlager heraus Gott entgegenführte bis an den Fuß des Berges. Und nun stieg Gott herab im Feuer, und ein dichter Rauch stieg auf wie der Rauch eines Schmelzofens; und der ganze Berg bebte sehr, während der Posaunenschall fort und fort stärker wurde! (Lies 2. Mos. 19,16-18.)

2. Mose 19,16-18 -- 16 Als nun der dritte Tag kam und es Morgen war, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dicke Wolke auf dem Berge und ein Ton einer sehr starken Posaune; das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak. 17 Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und es trat unten an den Berg. 18 Der ganze Berg Sinai aber rauchte, darum daß der HERR herab auf den Berg fuhr mit Feuer; und sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, daß der ganze Berg sehr bebte.

Das ganze große Gebirge, dessen mächtiger Berg der Sinai ist, heißt Sinaigebirge oder Horeb. Horeb bedeutet: „Trockenheit“. Ausgezeichnet paßt dieser Name für jenes gigantische Felsengebirge auf dessen nackten Spitzen nicht einmal das kleinste Moospflänzlein Feuchtigkeit genug für sein Dasein finden kann.

(Donnerstag, 24. Mai 1934)

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