BIBELLESEZETTEL von Chr. von Viebahn

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JAHRGANG 1934
Januar 1934

Dienstag, den 9. Januar 1934


2. Mose 2,15-20; Psalm 25,1-22

Erst als Mose – von seinen Brüdern gänzlich mißverstanden und abgelehnt, von Pharaos Wut verfolgt – als ein vereinsamter Fremdling über die Grenze geflohen war, kam es ihm zum Bewußtsein, daß er nun im doppelten Sinne heimatlos war. Ägyptens Hof und die Fürsorge seiner Pflegemutter hatte er um seiner Brüder willen verlassen, und diese verwarfen ihn nun. Welch eine Lage! – Mose klammerte sich an seinen Gott, sonst hätte es für ihn keinen anderen Weg mehr gegeben als den der Verzweiflung! So aber reifte er ganz wesentlich im Vertrauen zu seinem Gott und im vertrauten Umgang mit Ihm! [Man denke an einen ähnlichen Augenblick im Leben Davids! Hier wird uns gesagt: David war in furchtbarer Bedrängnis, denn seine Leute sprachen davon, ihn zu steinigen; sie waren ganz erbittert! „Aber David stärkte sich in dem Herrn, seinem Gott!“ [Lies 1. Sam. 30,1-6] – Moses einziger und letzter Rettungsanker war also sein Gott – der Unsichtbare und doch so wunderbar Nahe! – Hier ist zu lernen, daß es eine notwendige Vorstufe zum vertrauten Umgang mit dem Herrn ist: gelöst zu werden von dem Vertrauen auf Menschen oder auf irdischen Besitz, von dem Rechnen mit Menschenhilfe oder mit eigener Kraft! – Bei vielen Kindern Gottes benutzt der Herr tiefe Trübsal, Enttäuschung, Vereinsamung oder auch körperliche Leiden, um ihr Herz zu lösen von diesen Stützen. Sie müssen dahin kommen: Ich bin auf Gott allein geworfen! [Lies Ps. 62,1-7 (Luth. 2-8).] Es wird bei ihnen Wahrheit, daß sie sich an den Unsichtbaren halten, als sähen sie Ihn. – Als Mose über die Grenze gekommen – innerlich und äußerlich erschöpft – sich an einem Brunnen niedergelassen hatte, da erbarmte der Herr Sich über ihn und gab ihm eine Beschäftigung. Durch ein freundliches Zuhilfekommen seinerseits kam es dazu. Durch eine kleine Aufmerksamkeit oder Liebestat können wir uns oft selbst den Weg bahnen, den Gott für uns bestimmt hat.- Allerdings war es keine Kleinigkeit für den ehemaligen ägyptischen Prinzen, nun Schafhirte zu sein; dies war ein Beruf den Mose wohl bis vor kurzem sehr verachtet hatte. [Vgl. 1. Mos. 46,34.] – Wenn Gott uns in Seine Schule nimmt, dann heißt es niedersteigen. Ja, der Mose, den wir hier willig den Schafhütedienst übernehmen sehen, war schon ein sehr anderer, als der im Palast Pharaos aus- und eingegangen war! Aber bis zur Demut, die der Herr wirklich anerkennen und gebrauchen kann, sind viele Stufen hinabzusteigen. – Was hätte Mose wohl empfunden, wenn er jetzt schon erfahren hätte, daß er diese eintönige, niedrige Arbeit in der Wüste vierzig lange Jahre verrichten sollte? – War das die göttliche Belohnung, mit welcher Mose bei seiner Lebensentscheidung der Tochter Pharaos gegenüber gerechnet hatte? Konnte es die Absicht Gottes mit diesem hochbegabten und hochgebildeten, am Königshofe erzogenen Manne sein, daß er als unbekannter Schafhirt hier in der Wüste enden sollte? Es sah so aus. – Vierzig Jahre der Einsamkeit, der Entsagung, des Wunschloswerdens gingen hin. Aber die Weisheit Gottes wußte, was sie tat. Gott läßt sich Zeit, das kostbare Ziel mit uns zu erreichen, das Er sich nicht nur für Himmel, sondern auch für dieses Erdenleben mit uns gesteckt hat.

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