BIBELLESEZETTEL von Chr. von Viebahn

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JAHRGANG 1935
Mai 1935

Sonnabend, den 18. Mai 1935


2. Mose 33,7-11

Das Priestertum war noch nicht eingerichtet, wie Gott es auf dem Berge angeordnet hatte - die Stiftshütte noch nicht hergestellt, wie Gott sie Mose auf dem Berge gezeigt hatte. - Doch die große Sünde des Volkes drängt Mose, wie wir sahen, zu einem äußerst gewagten, äußerst gewichtigen Schritt! Seine Liebe und sein Eifer für Gott trieb ihn eilends vorwärts, da ja für das Volk wie für die Ehre Gottes alles auf dem Spiel stand! - Er konnte nicht warten auf den gesalbten Priester in seinem Ephod und mit seinem Brustschild; denn er war noch nicht eingesetzt! - Nur noch ein kurzes Zögern und das ganze Volk erlag dem Gericht seines erzürnten Gottes! - Da ergreift Mose statt der Stiftshütte sein eigenes Zelt: statt des Hohenpriesters tritt er in den Riß und opfert unter Tränen sein fürbittendes Flehen für Israel Gott auf. - Es war das größte Wagnis! Mose maßte sich etwas an, das in jedem anderen Augenblick und bei jedem anderen Menschen mit dem Tode bestraft worden wäre. - Ähnlich der Königin Esther, die es aus Liebe zu ihrem Volke wagte, unaufgefordert in die Gegenwart des Königs zu gehen, was sonst nie gestattet war - sprach auch Mose hier gleichsam: „Komme ich um, so komme ich um!“ (Lies Esther 4,9-16.) Was Mose hier tat, indem er sein Zelt außerhalb des Lagers aufrichtete und ausrief: „Her zu mir, wer für den Herrn ist!“, das wurde sofort vom Volke verstanden. Alle, deren Herz Gott berührte und aufschloß, erkannten es mit einem Blick, daß Mose um ihretwillen eine so gewagte Handlung beging. Auch die Vielen, die nicht hinausgingen zum Zelte, empfanden dennoch, wie persönlich Moses Handlungsweise einen jeden von ihnen anging! - Sie traten aus ihren Zelten und schauten Mose nach, wie er ins Zelt trat und wie der Herr durch das Erscheinen der Wolkensäule - das Zeichen Seiner Herrlichkeit - ihn, ihren Mittler, anerkannte! - Wie mögen sie zuerst mit Furcht und Zittern gewartet haben, was aus Mose und seinem Zell da draußen wurde! Aber welch ein Jubel, als die Wolke sich niederließ und der Herr durch Seine herrliche Gegenwart den gewichtigen Schritt, den Sein geliebter Knecht getan, anerkannte und ihn Seiner innigsten Gemeinschaft würdigte! - Voll Anbetung warfen sich alle nieder - ein jeder am Eingang seines Zeltes. (Vgl. 2. Mos. 14,31; 19,9; Jes. 44,26a.) - Liebe, göttliche Liebe ist in ihrer Handlungsweise niemals Anmaßung! [Röm. 13,8-10; 1. Kor. 13,4-6.] Wenn die wahre Weisheit gerechtfertigt wird von allen ihren Kindern, so wird die Handlungsweise der gottgewirkten Liebe völlig anerkannt von Gott. Ja, gottgewirkte Liebe heiligt jeden Boden, auf welchen sie ihren Fuß setzt! - Was wir hier miterleben in 2. Mos. 33,7-11, ist eine große Stunde in der Geschichte Israels - eine erhabene Lektion, die wir in der Schule Gottes lernen dürfen. - Bedenken wir, was es heißt, daß die Gegenwart Gottes das Lager Israels verlassen hatte! - Was war Israel ohne seinen Gott? Kein Volk so hilflos wie Israel ohne Gott! [Hos. 7,13; 9,12b.] - Keine Krume Brot hatten sie zu essen ohne Ihn, keinen Tropfen der Erquickung für ihren Durst in der Hitze der Wüste ohne Ihn! - Die Gegenwart des Allmächtigen allein war ihr Schatten gewesen bei Tage und ihre Sicherheit in der Nacht. [2. Mos. 13,21. 22; Neh. 9,19-21.] - Wer sollte sie durch die pfadlose Wüste - durch den Sand der Einöde führen, wenn Gott sie verlassen hatte? - Nur ein Mann war da, der Gott in ihre Mitte zurückbringen konnte - der einzige, der noch eine Verbindung herstellen konnte! Und sein Ringen und Flehen während vierzig Tagen und Nächten besiegte Gott, so daß Mose dann vom Berge herabkommen konnte und Israel die Vergebung und die Gnade und das erneute Mitgehen Gottes zusichern konnte!

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